200901Mai

Gedankengang: Internet Explorer 6 als Projektbasis?

Webbrowser sind die Präsentationsplattform für Websites — und zugleich die Benutzeroberfläche für Online-Anwendungen. Die persönliche Wahl des Browsers hängt also vom eigenen Nutzungsspektrum ab. Welcher Webbrowser in einem Unternehmensnetzwerk verwendet wird, ist von zusätzlichen Faktoren und technischen Aspekten abhängig.
Daher sind Beliebtheit und Marktanteil eines bestimmten WWW-Browsers nicht nur vom persönlichen Geschmack der Benutzer abhängig. Ein weiterer Fakt ist das dominierende Windows-Betriebssystem, auf dem Internet Explorer vorinstalliert ist: Version 6 bei Windows XP, Version 7 bei Windows Vista. Auch wenn die inzwischen finale Version 8 des Microsoft-Browsers über die automatische Update-Funktion von Windows verbreitet wird, so ist deren Installation immer noch optional.
Die Zahlen diverser Statistiken (StatOwl, WebHits, W3Counter, Wikipedia, W3Schools) überschneiden sich größtenteils und somit ist die Verbreitung der Webbrowser wenig überraschend: Internet Explorer beherrscht den Markt mit etwa 70%.

StatOwl

Interessant ist jedoch eine nähere Betrachtung des Microsoft-Imperiums: Version 6 des Internet Explorers wird laut Statistiken nur noch von 25-30% aller Benutzer verwendet. Diese Zahl bezieht sich wiederum auf den gesamten Marktanteil des Microsoft-Browsers. Die Frage (oder das Problem), die hier aufkommt: Sollte Internet Explorer 6 bei einem Webprojekt als Basis für die Optimierung genutzt werden?

Durch den Zahn der Zeit ist die Antwort auf diese Frage nicht mehr so eindeutig, wie sie vor ein paar Jahren noch war. Der Browser gehört mittlerweile zum alten Eisen und weist etliche Schwächen auf — wenn es nach den Köpfen von Webentwicklern geht, wäre Internet Explorer 6 wahrscheinlich schon seit geraumer Zeit im Meer versunken worden. Daher gibt es mittlerweile schon etliche Seiten, die den Untergang des verbreiteten Browsers beschleunigen wollen — Seitenbetreiber können sogar soweit gehen und eine Warnmeldung einblenden, wenn der Besucher noch Version 6 des Internet Explorers benutzt. Andere Webentwickler können sich mit fertigen Skripten behelfen, welche die Seitendarstellung von Internet Explorer 6 korrigieren und zusätzliche Funktionen bieten: IE7.js und IE6Fixer machen dem veralteten Browser Beine. Aber Vorsicht: Durch die Verwendung der IE7.js-Bibliothek wird die Geschwindigkeit der Seiteneinstellung zum Teil stark beeinträchtigt.

Warum sollte man sich die Frage überhaupt stellen, ob Version 6 des WWW-Browsers als Projektbasis genutzt werden sollte? Ist es nicht eine Selbstverständlichkeit, alle CSS-Einstellungen auf die Darstellung bzw. Rendering-Engine des Internet Explorer 6 zu optimieren? Der Punkt ist, dass es mittlerweile mit Aufwand verbunden ist, moderne Internetauftritte für den besagten Browser zu realisieren. PNG-Bilder mit einer Farbtiefe von 24 Bit (also auch Transparenz) und diverse Fehldarstellungen von Abständen zählen wahrscheinlich zu den Hauptproblemen, die Internet Explorer 6 mit sich bringt. Wer möchte, kann sich hierzu die Liste "10 Cool Things We’ll Be Able To Do Once IE6 Is Dead" bei SitePoint durchlesen.
Natürlich liegt die Wahl der Basis für ein Internetprojekt nicht allein beim Entwickler — es kommt auf verschiedene Faktoren an:

  • Browser der Zielgruppe
  • Browser des Kunden
  • Browser als Plattform für CMS-Backend
  • Komplexität des Designs (transparente Grafiken, JavaScript-Animationen)
  • Verwendung von eigenen Schriftarten (dynamische Schriftersetzung)

Anhand dieser Liste könnte man vor einem Projekt herausfinden, ob ein erheblicher Mehraufwand für eine Optimierung auf Internet Explorer 6 entsteht. Es besteht auch nicht immer das Problem, dass eine Funktionalität fehlt oder Elemente einer Website falsch dargestellt werden — bei der Verwendung von JavaScript-Frameworks (für Animationen oder dynamische Schriftarten) kommt es auf die Geschwindigkeit an. Die JavaScript-Engine des Internet Explorers lässt in dieser Hinsicht zu wünschen übrig.

Eine Website soll in der Regel für längere Zeit im Netz präsent sein — eine langfristige Lösung für die breite Masse ist also meistens gewünscht. Geht es bei einem Projekt um eine einfaches Layout ohne aufwendige Grafiken/Animationen, so dürften sich die CSS-Anpassungen für Internet Explorer 6 in Grenzen halten. Hier gibt es momentan auch diverse Diskussionen, ob man heutzutage überhaupt noch eine aufwendige Website benötigt. Pauschalisieren lässt sich das wohl nicht, da jeder Kunde individuelle Anpassungen und Funktionen benötigt. Bewegung auf Websites wird immer wichtiger und daher dürfte der Trend eher in Richtung komplexe Animationen und Interaktionen gehen (bei Flash-Websites ist es ohnehin eine Selbstverständlichkeit).

Als Schlussfolgerung könnte man also sagen, dass der Kunde bei einem Projekt auf die Problematik und Statistik des Internet Explorer 6 hingewiesen werden sollte. Eine Optimierung auf Version 7 oder 8 des Microsoft-Browsers ist dennoch ratsam, da das Monopol immer noch besteht. Man darf sehr gespannt sein, wie die Entwicklung und Marktverteilung der Browser weitergehen wird — der Webdesigner im Jahre 2013 könnte vielleicht schon komplett auf die Funktionen von CSS3 zurückgreifen, die leider mit Internet Explorer 8 noch nicht vollständig unterstützt werden.

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